Die Vereinsfahnen der Schützengesellschaft Adelsheim

Von Vereins-Archivar Wilfried Lenuweit zur Generalversammlung am Samstag, den 12. März 2005

In den 1830er Jahren reiste Leopold, zweiter Grossherzog von Baden durch das Städtchen Adelsheim. Von Dallau her kommend wurde er von den Bürgerschützen des Schützencorps Adelsheim in Empfang genommen und durch das Städtchen hindurch und weiter bis nach Boxberg eskortiert. Der Legende nach packten die Adelsheimer die Gelegenheit beim Schopfe und richteten ein persönliches Gesuch zwecks Stiftung einer Fahne an den Grossherzog. Offensichtlich wurde diesem Wunsch entsprochen, denn ab dem Jahre 1836 besass die Schützengesellschaft eine Fahne.

Sie besteht in ihrer Grundstruktur aus einem Tuch aus Seide, ist rechteckig mit dem Mass 120cm x 100cm. An den zwei kurzen und der unteren langen Seite ist sie mit einer Fransenbordüre eingefasst. Die Fransen sind ca. 3,5 cm lang und nach jeweils 7 cm Seitenlänge abwechselnd gold – und silberfarben. An der vierten, der langen oberen Seite ist die Fahnenstange angebracht. Diese besteht aus einem 250 cm langen Fichtenstab mit einem Durchmesser von 3,5 cm. Der Stab wurde mit ehemals grünem Leder umwickelt, welches wiederum mit 98 Kupfernägeln fixiert wurde. Die Farbe des Leders hat sich altershalber zunehmend ins Braune verändert. Das Ende der Fahnenstange bildet eine noch heute glänzende, handgetriebene Spitze aus Kupfer.

Wir wollen die Fahne einmal so betrachten, als wenn jemand die Fahnenstange waagerecht hochhält. Die Vorderseite der Fahne zeigt auf cremefarbigem Grund in der Mitte ein hellblaues, liegendes Oval mit Goldrand. Es hat die Maße 63cm x 45cm. Im Oval in goldenen Buchstaben die Inschrift: „Dem geehrten Schützencorps zu Adelsheim“. Umgeben ist das Oval von zwei Eichenästen, sattgrün belaubt und Eicheln tragend, unten von einem goldenen Schleifenband zusammen gehalten. Die Rückseite der Fahne zeigt auf cremefarbigem Grund in der Mitte dasselbe Eichenlaub-umkränzte hellblaue Oval. Darin das goldene Monogramm von Grossherzog Leopold unter einer mit blauen Edelsteinen besetzten Krone in Gold und Rot. Alle Schriften und Zeichen wie auch das hellblaue Oval sind auf die Seide aufgemalt.

 

Historische Vereinsfahne von 1823 Frontseite - Dem geehrten Schützencorps zu AdelsheimHistorische Vereinsfahne von 1823 Rückseite - Goldenes Monogramm von Grossherzog Leopold

 


Dem Archiv liegt ein Original – Schriftstück vor, welches genaue Anweisungen für die geplante Fahnenweihe enthält:

O R D R E 

Wegen der Begehung der Fahnenweihe auf nächsten Pfingstmontag  den 23. Mai 1836:

  • Früh um vier Uhr spielt die Musik in Begleitung zweier Schützen Tagreveille, während abwechselnd sechs Kanonenschüsse erfolgen.
  • Nach 9 Uhr versammelt sich das Corps, jedoch ohne Gewehr sondern nur mit Hirschfängern versehen, und die Spielleute ohne Instrumente in vollständiger Uniform und alles rein geputzt zur Kirchenparade vor der Wohnung des Schützenmeisters.
  • Um 2 Uhr, wenn der Tambour schlägt, versammelt sich das Corps mit    vollständiger Armatur und die Spielleute mit ihren Instrumenten vor der   Wohnung des Chefs Herrn Major von Adelsheim, von wo aus zum Exerzieren ausmarschiert wird.
  • Man erwartet, dass zur Erhöhung der Feierlichkeit und zur Ehre des Corps kein Mitglied fehle, sondern alle mit reingeputzter Uniform und Armatur erscheinen, hauptsächlich aber das Corps sich durch ein musterhaftes Betragen Ehren mache.

Adelsheim, den 21. Mai 1836              Der Schützenmeister Ernst


Im Zuge der Vorbereitungen zur 160-Jahr-Feier der Schützengesellschaft an Pfingsten 1983 und seiner Arbeiten zur Erstellung einer Vereins-Chronik hat der damalige Oberschützenmeister Wilfried Lenuweit diese alte, die erste Vereins-Fahne wieder gefunden. Nur noch Fetzen hingen an der Fahnenstange und einzelne Stoffreste waren über den Speicher der alten Schule verteilt. Mit Hilfe des Leiters des Rechnungsamtes der Stadt Adelsheim, Herrn Günter Wörner wurden die Einzelteile akribisch aufgesammelt und zusammengetragen.

Der Vorstand der Schützengesellschaft beschloss, dass die Fahne restauriert werden sollte, falls es dem Oberschützenmeister gelingt, das dafür notwendige Geld durch Spenden der Bevölkerung zusammenzubringen.

Einige Wochen später wurde die Fahne zur Restaurierung nach Würzburg gegeben. In einer einem Kloster angeschlossenen Werkstatt wurden die erforderlichen Arbeiten in kurzer Zeit zu einem Preis von knapp 2.000.- DM ausgeführt.

Pünktlich zum Fest, das vom 21. bis 23. Mai 1983 stattfand, war sie wiederhergestellt und wurde genau 147 Jahre nach ihrer Weihe ein letztes Mal von einer Fahnenabordnung der Adelsheimer Schützen in der Öffentlichkeit getragen.

Nun hängt sie im Schützenhaus und wir hegen die Hoffnung, dass sie nach so vielen Jahren, nach einem so bewegten Dasein doch irgendwann einen ruhigen, würdigen Platz im Adelsheimer Heimatmuseum  finden möge.

Die wechselvolle Geschichte des Adelsheimer Schützenwesens zeigt sich unter anderem am Beispiel der zweiten uns bekannten Vereins – Fahne.         Ab 1872 ging die Schützengesellschaft in dem neugegründeten Militärverein Adelsheim auf. Das regelmässige Übungs – Schiessen und die Teilnahme an den verschiedensten Preisschiessen wurde weiterhin gepflegt.

Nach den vorliegenden Unterlagen beschloss der Vereins – Vorstand am 22. März 1874 (Kaisers Geburtstag !) die Anschaffung einer neuen Vereinsfahne.

Freiherr Adolf von Adelsheim stiftete sogleich 50 Gulden =  85 Mark

Weitere Spender der nächsten Monate waren:

Gottlieb Götz                       20 Gulden           =        34 Mark
Frauenverein Adelsheim                                           20 Mark
Gesangverein Adelsheim                                          10 Mark
A. Tscherning                                                            10 Mark
F. Wenig                                                                    10 Mark
J. Leiber                                                                     40 Mark
Chr. Götz (z. Hirsch)                                                  12 Mark
Fr. Gräf (z. Krone)                                                      10 Mark
Burkhard (z. Linde)                                                    19 Mark
P. Michaels (z. Adler)                                                  8 Mark
Firma Wertheimer und Hanauer                                19 Mark
Frhr. von Adelsheim (Sennfelder Haus)                    20 Mark

Die Sammlung ging rasch vorwärts, so dass bis Ende 1874 etwa 500 Mark beisammen waren. Im März 1876 wurde die neue Fahne für 360 Mark von der Firma Jänike, Leipzig fertiggestellt und ausgeliefert. Am 30. Mai 1876 fand die feierliche  Fahnenweihe des Vereines statt. Die Beteiligung war ausserordentlich gross. Den Feierlichkeiten wohnten Hunderte von Personen aus der Adelsheimer Bevölkerung bei. Dazu an die vierzig Vereine der umliegenden Orte von Möckmühl bis Tauberbischofsheim, von Aglasterhausen bis Mergentheim.
Der Verein existierte mit seiner Schützenabteilung bis in die Zeit des ersten Weltkrieges. Die Fahne ist bis heute verschollen. Angaben über Aussehen, Art und Beschaffenheit liegen leider nicht vor. Am 23. 6. 1923 wurde im Gasthaus zum Hirsch der Familie Bühl von 35 Personen die Schützen – Gilde Adelsheim wiedergegründet. Zum Gau – Schützenfest, das 1924 stattfand,  trat die neue, - die dritte Vereinsfahne erstmals in Erscheinung. Wann genau und von wem sie hergestellt wurde entzieht sich unserer Kenntnis. Sie ist eine annähernde Kopie der ersten Fahne von 1836, die, so können wir annehmen zu diesem Zeitpunkt schon arg mitgenommen und beschädigt gewesen sein dürfte.
Die neue Fahne besteht in ihrer Grundstruktur ebenfalls aus einem Tuch aus Seide und ist 125cm x 95cm gross. An den zwei langen und der unteren kurzen Seite ist sie mit einer Fransenbordüre eingefasst. Die Fransen sind ca. 5 cm lang und goldfarben.
An der vierten Seite,- im Gegensatz zur „Ur – Fahne“ an der kurzen oberen Seite ist die Fahnenstange angebracht. Die Befestigung der Fahne an der Stange weist schon auf moderne Zeiten hin: Sie ist nicht mehr mit Kupfer-oder Eisenstiften einfach angenagelt, sondern wird an vier Haken eingehängt.
Die Fahnenstange besteht aus einem 260 cm langen Fichtenstab mit einem Durchmesser von ca. 2,8 cm. Der Stab ist mit Leder umwickelt, das noch immer eine schöne, dunkelblaue Farbe zeigt. Fixiert wurde das Leder mit 142 Metallnägeln.
Das Ende der Fahnenstange ziert eine abgeflachte Kugel aus Kupfer. Wir wollen auch diese Fahne einmal so betrachten, als wenn jemand die Fahnenstange waagerecht hochhält. Die Vorderseite der Fahne zeigt auf cremefarbigen Grund in der Mitte das schon bekannte hellblaue, liegende Oval mit Goldrand. Es hat diesselben Masse von 63 cm x 45 cm und dieselbe Inschrift: „ Dem geehrten Schützencorps zu Adelsheim“. Auch die sattgrün belaubten und Eicheln tragenden Eichenäste  entsprechen genau den Abbildungen auf der Ur-Fahne. Die Rückseite mit dem Eichenlaubumkränzten Oval und dem Monogramm von Grossherzog Leopold einschliesslich der Krone sind ebenfalls identisch. Alle Schriften und Zeichen wie auch die beiden hellblauen Ovale sind aufgemalt.

 

Historische Vereinsfahne von 1924 Frontseite - Dem geehrten Schützencorps zu Adelsheim Historische Vereinsfahne von 1924 Rückseite - Goldenes Monogramm von Grossherzog Leopold

Die Schützen – Gilde wie auch die Fahne,- beide verschwanden infolge der Gleichschaltung während des Dritten  Reiches und den Wirren des zweiten Weltkrieges.       Was die Machthaber des Dritten Reiches anrichteten, welche furchtbaren Auswirkungen der Weltkrieg hatte ist hinlänglich bekannt.

Und das Schicksal der dritten Vereinsfahne?

Nachdem die Schützengesellschaft am 13. März 1976 im Gasthaus zum Adler der Familie Unden wiedergegründet wurde, fristete sie noch immer ein kümmerliches, vergessenes Dasein, wie schon seit Jahrzehnten.       Erst  in den 1990er Jahren erinnerte sich Zahnarzt Dr. Erich Häussler sen. anlässlich eines langen Gespräches mit Oberschützenmeister Lenuweit an den Nachlass seines Vaters. Dieser war in den 20er und 30er Jahren ein aktives Mitglied der Schützen-Gilde und ausgezeichneter Sportschütze gewesen.

Unter diesem Nachlass fand sich dann sehr schnell im Hause der Zahnarztpraxis, ganz oben unter dem Dach die zusammengerollte Fahne, völlig verstaubt, aber sonst weitgehend unbeschädigt. Der hocherfreute Oberschützenmeister durfte dieses wertvolle Stück Vereinsgeschichte sogleich in Empfang nehmen.
Ein Jahr später fand Dr. Häussler an anderer Stelle die dazugehörige Fahnenstange. Er übergab sie den Herren Wilfried Lenuweit und Fritz Kaufmann. Letzterer hat das gute Stück in seiner Foto – und Bilderrahmenwerkstatt penibel gereinigt, aufgearbeitet und verwahrt.
Nun hat der ehemalige Oberschützenmeister und jetzige Vereinsarchivar die noch vorhandenen Schäden reparieren und die Fahne wieder an der Stange befestigen lassen. Somit befinden sich seit diesem Jahre 2002 zwei historische Vereinsfahnen der Schützengesellschaft wieder in deren Besitz.
Im Jahre 1983 bestand die Schützengesellschaft 160 Jahre. Dieses Jubiläum sollte mit einem  grossen, mehrtägigen Fest mit integriertem Kreisschützenfest und der Weihe einer neuen Fahne begangen werden. Schon Mitte 1982 brachte der im Januar neugewählte Oberschützenmeister Lenuweit seine Ideen hierzu als Tagesordnungs-Punkte in die Vorstands-Sitzungen ein. Vom Juli 1982 bis Januar 1983 wurde in neun ! Vorstands-Sitzungen lt. Protokoll „..auf das heftigste diskutiert...“ ob ein Fest überhaupt ausgerichtet werden konnte und sollte, und ob man sich eine neue Vereinsfahne leisten konnte bzw. ob die Anschaffung notwendig sei.Letztendlich erfuhr das grosse Vorhaben mit 9xJa und 1xNein eine positive Abstimmung und damit die Zustimmung der Vorstandschaft. Die Vorbereitungen konnten beginnen. In einer beispiellosen Spenden-Sammel-Aktion zog der Oberschützenmeister persönlich wochenlang von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, schrieb unzählige Bettelbriefe und führte ebenso unzählige Gespräche um die Spendenbereitschaft der Mitglieder, der Einwohnerschaft und der Geschäftswelt anzukurbeln. Am Ende kamen für die Anschaffung der neuen Vereinsfahne und für die Restaurierung der historischen Fahne von 1836 insgesamt

DM 7.727,77 zusammen.

Gleichzeitig wurden für die geplante Festschrift und Vereinschronik 67 gewerbliche Anzeigenkunden gewonnen,- mit einem Insertionsvolumen von über DM 3.000.- !

Die grossherzigsten Spender für die Fahnen waren:

Freiherr Joachim von Adelsheim                         DM 1.000.-
Dr. Erich Häussler Sen.                                       DM 1.000.-
OSM Wilfried Lenuweit                                        DM 1.000.-
Ing. Otto Striebich                                                DM 1.000.-
Roland Rottler                                                      DM 500.-

Damit konnte die historische Fahne,- wie bereits beschrieben restauriert werden und eine neue Fahne nach den Entwürfen von Wilfried Lenuweit bei der Karlsruher Fahnenfabrik Kreisel GmbH zum Preis von DM 4.500.- bestellt werden.
Pünktlich zum Jubiläumsfest wurde die Fahne fertiggestellt und eine Abordnung fuhr nach Karlsruhe, um sie abzuholen.
Die Fahne ist über Eck gestickt, quadratisch, ca. 120cm x 120cm. An drei Seiten sind hochvergoldete Kantillefransen angenäht und an der Seite für die Fahnenstange eine mit Leder unterlegte 7-fache Bortenlaschenbefestigung. Die Vorderseite zeigt in der Mitte das Wappen derer von Adelsheim (mit ausdrücklicher Genehmigung des Freiherrn Joachim), darüber und darunter die Inschrift „Schützengesellschaft Adelsheim“, sowie links und rechts vom Wappen die Jahreszahlen „1823“ und „1983“. Die obere Ecke ist mit einer Scheibe und gekreuzten Gewehren bestickt, die untere Ecke zeigt in verkleinerter Darstellung das blaue Oval der Vorderseite der historischen Fahne. Links und rechts in den Ecken befindet sich mehrfarbig schattiertes Eichenlaub. Der Grundstoff der Vorderseite ist in schützengrünem Fahnensamt gehalten, die Schrift erfolgte mit überlegtem Mittelschlag. Die Rückseite besteht aus cremefarbiger Naturseide und stellt eine genaue Kopie der Rückseite der historischen Fahne dar. Das Monogramm von Grossherzog Leopold ist in einer gedrehten Ausführung in Goldmetall flach gestickt. Die Ecken wurden zusätzlich durch Ornamente in Gold verziert und in der unteren  Ecke befindet sich als Erinnerung an das Stiftungsjahr der historischen Fahne die Jahreszahl 1836. Ausführung und Qualität sind hochwertigst. Ergänzt wird die Fahne durch die Fahnenstange aus hochglanzpoliertem Nussbaumholz mit Bajonettverschluss, einer Fahnenspitze, einem schwarzen Leder-Tragegurt, Trauerflor mit Silberfransen und einer Cellophanhülle.
Beim Festakt an Pfingsten, am Samstag den 21. Mai 1983 wurde die Fahne in der Stadthalle vom ev. Dekan Dr. Sperle und vom kath. Pfarrer Schwarz feierlich geweiht. Seitdem wurde sie landauf, landab bei vielen fröhlichen Festumzügen getragen. Sie wehte,- trauerumflort über den Gräbern unserer verstorbenen Mitglieder:

- Schützenmeister  Friedrich Bopp im Juni 1991
- Gönner Dr. Erich Häussler im Februar 1996
- Schützenkönigin Ulla Kubeil im Juli 1996
- Ehrenmitglied Otto Striebich im August 1996

Einen besonders stolzen Auftritt hatte sie während dem Fest zum 175-jährigen Vereinsjubiläum, das vom 10.6. – 14.6.1998 begangen wurde. Unter der Führung des neuen, noch jungen Oberschützenmeisters Armin Schweizer, - der diese Feuertaufe bravourös meisterte - wurden auch diese Feierlichkeiten zu einem Meilenstein in der Vereinsgeschichte. Und so bestehen die besten Aussichten, dass diese Fahne für lange Zeit ein intaktes Vereinsleben begleitet, getreu dem Motto:

Würdigung und Pflege der Tradition

Positive Gestaltung der Gegenwart

Ansporn und Mut für die Zukunft

 

 

Die heutige Vereinsfahne - FrontseiteDie heutige Vereinsfahne - Rückseite

 

 

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